„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, dem Gesetz unterstellt.“ – Etwas kühl und nüchtern, in einem Satz formuliert Paulus im Brief an die Galater den Kern der Weihnachtsbotschaft.
Die Volksfrömmigkeit hat sich mit dieser knappen theologischen Aussage über die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes, nicht zufrieden gegeben und die Weihnachtsbotschaft ausgeschmückt. Unsere Krippendarstellungen mit Ochs und Esel im Stall von Bethlehem, mit Hirten, Schafen und musizierenden Engeln, mit Josef und Maria und dem Jesuskind in der Mitte gehen auf den heiligen Franziskus zurück, der die Geburt Jesu möglichst anschaulich machen wollte, um das Unfassbare begreifbar zu machen: Gott ist Mensch geworden.
Ich möchte sie heute Abend auf unseren Krippenaltar im Dom hinweisen. Der Bildhauer Franz Troyer hat ihn für die Wiedereröffnung des Doms im Jahr 1948 geschaffen. Im Zentrum des Altars stehen Maria und das neugeborene Kind, Josef und zwei Engel.
Das Besondere dieses Krippenaltars: im Hintergrund sieht man den Stephansdom und die Heidentürme. Damit wollte der Künstler zeigen: hier am Stephansplatz, im Herzen von Wien, mitten unter uns ereignet sich die Geburt des Erlösers.
Und damit komme ich zu meinem Weihnachtswunsch:
Ich weiß nicht, wie sie, liebe Schwestern und Brüder, heute am Heiligen Abend Weihnachten feiern werden. Vielleicht mit ihren Kindern oder Enkelkindern im Kreis der Familie oder mit lieben Freunden; vielleicht allein und ganz still; vielleicht manche auch traurig und sorgenvoll.
Unzählige Menschen werden den Heiligen Abend so verbringen wie immer: im Nachtdienst in Spitälern und Heimen, oder ohne Strom und ohne einem Dach über dem Kopf, auf der Flucht, im Krieg, in Armut und Kälte.
Ich wünsche denen, die am Heiligen Abend fröhlich und dankbar sind, und auch den Traurigen und Einsamen, dass wir alle in der Heiligen Nacht etwas von dem erleben, was der Krippenaltar hier im Dom zeigt:
Mitten in unsere Welt wie sie nun einmal ist, auch mit ihren Schattenseiten, dort, wo wir Menschen leben, wo wir lachen und weinen, uns freuen und leiden – dort will Jesus neu geboren werden und „Immanuel“ - ein Gott mit uns - sein.
Wir sind heute die Krippe, in unser Leben will Jesus neu hinein geboren werden: als Licht in unserer Dunkelheit, als Hoffnung gegen unsere Ängste, als Liebe gegen Gleichgültigkeit, als Friede, der stärker ist als Feindschaft und Hass, als Erlöser und Immanuel.
Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Heute ist Heiliger Abend, heute ist diese erfüllte Zeit. Heute sollen das Licht, die Hoffnung und der Friede von Weihnachten bei uns einkehren. Heute soll es Weihnachten werden für alle Menschen.